Die Isles of Scilly – wo England aufhört, England zu sein
Von Land’s End aus sieht man sie an klaren Tagen nicht einmal – vierzig Kilometer offener Atlantik liegen dazwischen, und genau diese Distanz hat aus einer Handvoll Granitfelsen etwas gemacht, das sich anfühlt wie ein Fehler in der Geografie Englands. Palmen wachsen hier, wo man Regenmäntel erwartet. Die Gärten blühen subtropisch, während zweihundert Kilometer weiter östlich der englische Nieselregen die Cotswolds grau färbt. Und unter der Wasseroberfläche rings um die Inseln liegen mehr als 800 Schiffswracks – stumme Zeugen dafür, wie tödlich diese Schönheit über Jahrhunderte gewesen ist.
Die Isles of Scilly sind kein Geheimtipp im Sinne eines unentdeckten Orts. Sie sind seit der viktorianischen Zeit ein Rückzugsort für alle, die England satt hatten, aber nicht verlassen wollten. Und doch bleiben sie für die meisten deutschen Reisenden ein weißer Fleck – zu klein für die großen Rundreise-Kataloge, zu weit draußen für einen Tagesausflug, zu eigen für Pauschaltouristen. Wer herkommt, kommt mit einem Plan. Das war schon 1707 so, als eine ganze Flotte der Royal Navy genau das Gegenteil bewies: dass man ohne Plan hier rasch sterben kann.
Fünf Inseln, ein Archipel, kein Auto
Von den mehr als 140 Inseln und Felsen, aus denen die Scillies bestehen, sind genau fünf bewohnt, und jede hat einen eigenen Charakter, den man nach einem Tag zu erkennen glaubt und nach einer Woche noch immer nicht ganz verstanden hat. St. Mary’s ist die Hauptinsel mit rund 1.600 der insgesamt gut 2.200 Einwohner, dem einzigen nennenswerten Ort Hugh Town und dem Flughafen. Tresco, die zweitgrößte, gehört größtenteils einem einzigen Pächter und ist bekannt für ihren subtropischen Garten. Bryher, mit knapp 80 Einwohnern die kleinste der fünf, wirkt so exponiert dem Atlantik ausgesetzt, dass ihre Westseite bei Sturm zu den wildesten Küstenabschnitten Englands zählt. St. Martin’s hat die schönsten weißen Sandbuchten des Archipels, St. Agnes die südlichste Poststelle Großbritanniens.
Was alle Inseln eint, ist die Abwesenheit des Autos. Bis auf ein paar Nutzfahrzeuge gibt es keinen motorisierten Individualverkehr – wer zwischen den Inseln reist, nimmt eines der kleinen Passagierboote, die mehrmals täglich zwischen St. Mary’s und den „Off-Islands“ pendeln. Diese Bootsfahrten selbst gehören zu den unterschätzten Attraktionen: Bei ruhiger See gleitet man über türkisfarbenes, glasklares Wasser, das eher an die Karibik erinnert als an den Ärmelkanal, und tatsächlich tragen die Scillies wegen ihres vom Golfstrom gemilderten Klimas seit Langem den Beinamen „Englands Riviera im Kleinformat“.
Beste Reisezeit: Mai bis September für warmes, stabiles Wetter (Sommermittel um 18–19 °C); die Temperaturdifferenz zwischen Sommer und Winter beträgt dank Golfstrom nur etwa neun Grad, echte Kälte gibt es praktisch nie.
Anreise: Fähre „Scillonian III“ ab Penzance (etwa 2 Stunden 45 Minuten, Mitte März bis Anfang November) oder Flug ab Land’s End Airport (rund 20 Minuten, ganzjährig), saisonal auch ab Newquay und Exeter; Helikopter-Alternative ab Penzance.
Tipp: Wer seekrank wird, sollte den Flug wählen – die Scillonian III hat unter Kennern den Spitznamen „Vomit Comet“, weil die Überfahrt bei Wind ruppig werden kann.
1707: Die Nacht, die vier Kriegsschiffe verschlang
Es gibt einen Grund, warum die Scillies so viele Wracks vor ihrer Küste liegen haben, und dieser Grund ist eine der folgenreichsten Katastrophen der britischen Seefahrtsgeschichte. In der Nacht des 22. Oktober 1707 lief eine heimkehrende Flotte der Royal Navy unter Admiral Sir Cloudesley Shovell im Sturm auf die Felsen der Scillies auf. Die Navigatoren hatten sich in ihrer Positionsbestimmung fatal geirrt – sie glaubten, sich sicher vor der französischen Insel Ushant zu befinden, tatsächlich aber steuerten sie mitten in den gefährlichsten Felsengürtel Englands. Vier Kriegsschiffe zerschellten, zwischen 1.400 und 2.000 Seeleute ertranken, darunter Shovell selbst. Es war die schwerste Marinekatastrophe in der Geschichte der Royal Navy.
Die Ursache war banal und gleichzeitig ein jahrhundertealtes Problem: Niemand konnte auf See den Längengrad zuverlässig bestimmen. Die Katastrophe von 1707 wurde zum entscheidenden Argument für den „Longitude Act“ von 1714, mit dem das britische Parlament ein Preisgeld von 20.000 Pfund für die Lösung des Längengradproblems auslobte – eine Summe, die schließlich den Uhrmacher John Harrison zur Erfindung des Marinechronometers in den 1750er-Jahren antrieb und die moderne Navigation überhaupt erst möglich machte. Ohne die Felsen der Scillies, lässt sich mit einigem Recht behaupten, hätte die Seefahrt ein anderes Jahrhundert gebraucht, um sich selbst zu orten.
Heute erinnern ein Museum auf St. Mary’s und zahlreiche Tauchspots an diese Geschichte; Wracktaucher aus ganz Europa kommen wegen der bemerkenswert gut erhaltenen Kanonen und Anker, die noch immer im flachen, klaren Wasser liegen.
Beste Reisezeit: Für Wracktauchen von Mai bis September, wenn Sichtweiten am besten sind und die Wassertemperatur erträglich wird.
Anreise: Tauchausflüge werden von Anbietern auf St. Mary’s organisiert, Abfahrt meist vom Hafen Hugh Town.
Tipp: Das Isles of Scilly Museum in Hugh Town zeigt geborgene Fundstücke der Wracks – ein Pflichttermin bei Regen.
Tresco Abbey Garden: Ein subtropischer Traum aus dem 19. Jahrhundert
Was auf dem Festland ein Wintergarten mit Heizung bräuchte, wächst auf Tresco einfach im Freien. Der Abbey Garden wurde 1834 von Augustus Smith angelegt, der die milde Witterung und den natürlichen Windschutz der Ruine einer alten Benediktinerabtei nutzte, um rund 20.000 Pflanzen aus mehr als 80 Ländern anzusiedeln – von südafrikanischen Sukkulenten bis zu neuseeländischen Baumfarnen. Terrassenförmig angelegt, staffelt sich der Garten die Hänge hinunter bis fast ans Meer, und an windstillen Tagen ist die Illusion perfekt: Man könnte ebenso gut auf einer Insel vor der Kapkolonie stehen wie vor der Küste Cornwalls.
Der Garten ist bis heute in Familienbesitz und wird von einer kleinen Mannschaft von Gärtnern gepflegt, die Pflanzen ohne jeden künstlichen Frostschutz durch den Winter bringen – ein Kunststück, das anderswo in Großbritannien schlicht unmöglich wäre. Neben der Botanik lohnt sich der „Valhalla“-Bereich des Gartens: eine Sammlung bemalter Galionsfiguren geborgener Schiffswracks, morbide und schön zugleich, ein Echo der 800 Schiffe, die dieser Inselgruppe nie entkommen sind.
Beste Reisezeit: Ganzjährig geöffnet, am üppigsten blühend zwischen März und Juni.
Anreise: Fähre „Firethorn“ von St. Mary’s nach Tresco (ca. 30 Minuten), Gepäcktransport wird organisiert; alternativ Helikopter direkt nach Tresco, eine Gehminute vom Garten entfernt.
Tipp: Die Kombination aus Garten- und Inselrundgang lohnt einen ganzen Tag – Tresco hat außerdem feine Sandstrände, die kaum jemand mit subtropischer Botanik in Verbindung bringt.
Das zweite Standbein: Narzissen für ganz Großbritannien
Bevor der Tourismus zur Haupteinnahmequelle wurde, lebten die Scillies vom Blumenanbau, und auch heute ist er noch die zweitgrößte Industrie des Archipels. In den 1950er-Jahren gab es rund 90 Familienbetriebe, die Narzissen zogen; das milde Klima erlaubt eine Blüte bereits zwischen Oktober und März, Monate vor dem Rest Großbritanniens. Ein Betrieb wie die Lunnon Farm auf St. Agnes exportiert allein rund 2,5 Millionen Blüten pro Saison per Boot und Helikopter aufs Festland – an Floristen, Supermärkte und Großmärkte in ganz Großbritannien.
Wichtig für Kenner: Man nennt sie hier „Narzissen“, nicht „Osterglocken“ oder gewöhnliche Daffodils. Die Scilly-Sorten tragen bis zu 15 Blüten pro Stiel und einen intensiven Duft, der einzelnen Züchtungen klingende Namen eingebracht hat wie „Scilly Valentine“ oder „Silver Chimes“. Zwar sind durch die internationale Konkurrenz aus den Niederlanden nur noch rund neun Betriebe auf St. Mary’s übrig, doch die Tradition wird bewusst gepflegt – auch als Teil der touristischen Identität der Inseln.
Beste Reisezeit: Blütezeit von Oktober bis März, Höhepunkt meist im Januar und Februar – ein überraschender Kontrast zum sommerlastigen Bild der Inseln.
Anreise: Feldbesuche lassen sich größtenteils über lokale Farmen auf St. Agnes oder St. Mary’s vereinbaren, teils im Rahmen geführter Inselwanderungen.
Tipp: Wer im Winter kommt, erlebt die Scillies fast menschenleer, aber in voller Blüte – ein Kontrastprogramm zum sommerlichen Massenandrang auf St. Mary’s.
Praktische Seite: Übernachten, Budget, Insel-Logistik
Die Scillies sind kein Billigziel, und das war schon immer Teil ihres Reizes: Wer herkommt, zahlt für Abgeschiedenheit. Hotelpreise auf St. Mary’s beginnen bei umgerechnet rund 160 Euro pro Nacht, Luxusadressen wie das Karma St. Martin’s auf St. Martin’s liegen deutlich darüber. Wer das Budget schonen will, findet auf mehreren Inseln Campingplätze, etwa Garrison Holidays direkt unterhalb der historischen Befestigungsanlage von Hugh Town, sowie zahlreiche Ferienwohnungen und B&Bs, die über die offizielle Tourismusseite der Inseln gebucht werden können.
Wichtig für die Planung: Wetter und Fährverbindungen bestimmen den Rhythmus des Insellebens stärker als anderswo in England. Bootsverbindungen zwischen den Off-Islands fallen bei Sturm aus, Flüge können nebelbedingt verschoben werden, und wer mehrere Inseln besuchen will, sollte mindestens eine Woche einplanen statt eines Wochenendausflugs. Die Inselverwaltung, der „Council of the Isles of Scilly“, existiert seit 1890 und verwaltet mit gerade einmal 16 gewählten Mitgliedern eine der kleinsten Unitary Authorities Großbritanniens – ein Hinweis darauf, wie überschaubar und zugleich eigenständig dieses Archipel funktioniert.
Beste Reisezeit: Für die volle Bandbreite an Aktivitäten und offenen Fährverbindungen Juni bis September; wer Ruhe sucht, kommt im Mai oder Oktober.
Anreise: Am besten mit dem Zug nach Penzance (direkte Nachtzugverbindung „Night Riviera“ von London Paddington), von dort Fähre, Flug oder Helikopter zu den Inseln.
Tipp: Wer nur eine Insel besuchen kann, sollte St. Martin’s wählen – die Strände gelten selbst unter Cornwall-Kennern als die schönsten des gesamten Südwestens.
Die Isles of Scilly sind kein Ort, an dem man vorbeifährt. Man muss sich für sie entscheiden – für die Überfahrt, für das Wetter, für die Distanz zum nächsten Supermarkt. Genau diese Entscheidung ist es, die aus einer Handvoll Granitfelsen im Atlantik einen der eigentümlichsten Flecken Englands macht: subtropisch und rau, blumenselig und schiffbruchgezeichnet, mondän und winzig – alles gleichzeitig, vierzig Kilometer vor der Küste, die man von hier aus manchmal gar nicht sieht.