St Albans Cathedral, Foto: D.K Ta / Unsplash
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Vier Geheimtipps für den perfekten Tagesausflug von London

London ist großartig – aber manchmal braucht man eine Pause davon. Die gute Nachricht: Der perfekte Tagesausflug von London wartet in ein bis zwei Zugstunden. Keine Touristenmassen, keine Warteschlangen, keine überteuerten Restaurants – nur echte Orte mit echter Geschichte. Hier sind vier, die kaum jemand kennt.

Rye – Die mittelalterlichste Kleinstadt Englands

Rye, Foto: Lokesh Anand / Unsplash
Rye, Foto: Lokesh Anand / Unsplash

Wer Rye noch nicht kennt, hat etwas verpasst. Die kleine Stadt im Südosten von East Sussex wirkt, als hätte jemand die Zeit um mehrere Jahrhunderte zurückgedreht – und dann einfach vergessen, sie wieder anzustellen. Kopfsteingepflasterte Gassen, schiefe Fachwerkhäuser, ein ehemaliger Schmugglerpfad und obendrein eine der fotogensten Straßen ganz Englands: die Mermaid Street, deren Gebäude zum Teil aus dem 12. Jahrhundert stammen.

Rye war einst ein bedeutender Hafenort und gehörte zu den legendären Cinque Ports – dem mittelalterlichen Bündnis der Kanalhäfen, das England gegen Angreifer aus Frankreich schützen sollte. Heute liegt die Stadt rund drei Kilometer vom Meer entfernt; der Hafen versandete im Laufe der Jahrhunderte. Was geblieben ist: eine ungewöhnlich gut erhaltene Altstadt, durch die man stundenlang schlendert, ohne dass einem langweilig wird.

Was man sehen sollte:

  • Ypres Tower – ein Wachturm aus dem 13. Jahrhundert, heute Museum, von dessen Spitze man einen schönen Blick über die Romney Marsh hat
  • St. Marys Church – eine der ältesten noch funktionierenden Turmuhren Englands
  • The Landgate – das einzige noch erhaltene der ursprünglichen vier mittelalterlichen Stadttore
  • Rye Harbour Nature Reserve – ein Naturschutzgebiet mit Vogelparadies, ideal für einen entspannten Spaziergang nach dem Stadtbummel

Kunstliebhaber sollten wissen: Rye war Wohnort des amerikanischen Schriftstellers Henry James, der zwischen 1898 und 1916 im Lamb House lebte – heute zu besichtigen.

Wer ein bisschen mehr Zeit einplant, fährt die wenigen Kilometer hinüber nach Camber Sands – einem der schönsten Sandstrände in ganz Südengland, mit beeindruckenden Dünen und viel Platz.

Anreise: Ab London St. Pancras mit Hochgeschwindigkeitszug nach Ashford International (38 Minuten), dann weiter nach Rye (21 Minuten). Der Bahnhof liegt direkt am Stadtrand.

Lewes – Burgen, Bier und die wildeste Bonfire Night der Welt

Lewes, Foto: Jack Niles / Unsplash
Lewes, Foto: Jack Niles / Unsplash

Wer auf der Zugstrecke von London nach Brighton sitzt, fährt durch Lewes, ohne es zu merken. Das wäre ein Fehler – denn Lewes ist eigentlich das interessantere Ziel. Die Hauptstadt von East Sussex liegt mitten in den South Downs, mit einer Silhouette, die von einer normannischen Burg dominiert wird, und Straßen, die so malerisch sind, dass man es kaum glauben kann.

Der Name der Stadt leitet sich vom altenglischen hlaews ab – was so viel wie „Hügel“ oder „Anhöhen“ bedeutet. Und ja: Lewes ist hügelig. Aber genau das ist auch sein Charme. Von der Lewes Castle aus, die auf einem Hügel thront und bis ins Mittelalter zurückreicht, hat man einen Panoramablick über East Sussex, der den Aufstieg mehr als rechtfertigt.

Was man sehen sollte:

  • Lewes Castle – normannische Burg mit hervorragendem Blick über die South Downs; direkt daneben das Museum of Sussex Archaeology
  • Anne of Cleves House – ein wunderbares Fachwerkhaus aus dem 15. Jahrhundert, einst Teil des Scheidungspakets, das Heinrich VIII. seiner vierten Frau gewährte. Sie lebte nie hier – aber das Museum ist trotzdem sehenswert
  • Harvey’s Brewery – Englands älteste unabhängige Brauerei in East Sussex, direkt am Fluss Ouse; Brauereitorungen auf Anfrage möglich
  • Cliffe High Street – eine der schönsten Einkaufsstraßen Englands mit unabhängigen Läden, einem Wochenmarkt (erster und dritter Samstag im Monat) und Blicken auf die South Downs

Ein kleiner Geheimtipp: das Railway Land Nature Reserve – direkt hinter dem Bahnhof liegt ein kleines Naturschutzgebiet auf dem Gelände eines ehemaligen Rangierbahnhofs. Teiche, Schilf, Wildblumenwiesen – mitten in der Stadt.

Und dann ist da noch die Bonfire Night am 5. November. In Lewes ist das kein normales Erzündeln von Wunderkerzen, sondern das größte Guy-Fawkes-Feuerwerk der Welt: Mehrere rivalisierende Bonfire Societies veranstalten eigene Umzüge, die sich in einem riesigen Fackelzug durch die Stadt vereinen. Wer das einmal erlebt hat, vergisst es nicht.

Anreise: Ab London Victoria oder London Bridge, Fahrtzeit gut eine Stunde. Günstige Advance-Tickets sind oft schon für 5 Pfund je Strecke zu haben.

St. Albans – Römer, Kathedrale und der älteste Pub Englands

St Albans Cathedral, Foto: D.K Ta / Unsplash
St Albans Cathedral, Foto: D.K Ta / Unsplash

Nur 20 Minuten ab London St. Pancras – und schon ist man in einer anderen Welt. St. Albans, die einzige Stadt in Hertfordshire mit offiziellem City-Status, ist eines der am häufigsten übersehenen Ausflugsziele in der Umgebung Londons. Dabei vereint es etwas, das man sonst nirgendwo auf so engem Raum findet: römische Ruinen, eine der ältesten Kathedralen Englands und einen Pub, der älter ist als die meisten Länder Europas.

Der römische Name der Stadt lautete Verulamium – zur Römerzeit war es die drittgrößte Stadt in ganz Britannien. Die Überreste sind erstaunlich gut erhalten. Im Verulamium Park – einem weitläufigen Parkgelände direkt neben der Kathedrale – findet man erhaltene Abschnitte der Stadtmauer, Reste eines Amphitheaters und sogar einen rekonstruierten römischen Hypocaust (eine Art antike Fußbodenheizung). Das Verulamium Museum zeigt beeindruckende Mosaike und Alltagsgegenstände aus dieser Zeit.

Was man sehen sollte:

  • St. Albans Cathedral – eine der wichtigsten Kathedralen Englands, seit über 1.100 Jahren ununterbrochen Ort christlicher Verehrung; ein Mischwerk aus normannischer und gotischer Architektur
  • Clock Tower – der einzige noch erhaltene mittelalterliche Stadtglockenturm Englands, mit Panoramablick von oben
  • Ye Olde Fighting Cocks – gilt als einer der ältesten Pubs Großbritanniens, das heutige Gebäude stammt aus dem 11. Jahrhundert; es soll Tunnel zur Kathedrale geben
  • Charter Market – ein Wochenmarkt mit 150 Ständen, dessen Ursprünge bis ins 9. Jahrhundert zurückreichen
  • The Waffle House – in einer historischen Wassermühle untergebrachtes Café mit legendären süßen und herzhaften Waffeln; immer voll, immer gut

Ein historisches Kuriosum am Rande: Der Ryder Cup – das berühmte Golfturnier zwischen Europa und Amerika – hat seinen Ursprung in St. Albans. Kaufmann Samuel Ryder, der in der Stadt sein Samenhandelsgeschäft aufgebaut hatte, gründete Ende des 19. Jahrhunderts das Turnier.

Anreise: Ab London St. Pancras, Fahrtzeit ca. 20 Minuten. Der Bahnhof ist ein kurzer Spaziergang vom Stadtzentrum entfernt.

Margate – Kunst, Kitsch und eine mysteriöse Muschelhöhle

Margate ist vielleicht der ungewöhnlichste Tipp auf dieser Liste – und gleichzeitig der, der am meisten überrascht. Die Küstenstadt in Kent galt lange als abgehalftert, als Relikt aus der Blütezeit der englischen Seebäder. Dann kam das Turner Contemporary, und alles änderte sich.

Das 2011 eröffnete Kunstmuseum – benannt nach dem englischen Maler J.M.W. Turner, der Margate liebte und hier viele seiner berühmten Licht- und Himmelsstudien schuf – hat die Stadt regelrecht transformiert. Heute ist Margate eines der kreativsten und eigenwilligsten Ausflugsziele im Südosten Englands: eine Mischung aus Strandpromenade, Galerienszene, unabhängigen Cafés und nostalgischem Vergnügungspark.

Was man sehen sollte:

  • Turner Contemporary – ein beeindruckendes Gebäude direkt am Hafen, vom Stararchitekten David Chipperfield entworfen. Der Eintritt ist frei. Von den Panoramafenstern sieht man genau das Licht, das Turner so fasziniert hat. Die Galerie zeigt wechselnde Ausstellungen mit internationalen Künstlern wie Antony Gormley, Grayson Perry oder Tracey Emin – die übrigens in Margate aufgewachsen ist.
  • Shell Grotto – eine der seltsamsten Attraktionen Englands: Eine 1835 entdeckte unterirdische Grotte, deren Wände mit über vier Millionen Muscheln in kunstvollen Mustern bedeckt sind. Niemand weiß, wer sie wann gebaut hat oder warum. Vielleicht gerade deswegen ist sie so faszinierend.
  • Dreamland – der legendäre Vergnügungspark, der jahrzehntelang verfallen war und mit Lotteriemitteln zurück zum Leben erweckt wurde; eine Ode an englischen Retro-Kitsch
  • Margate Old Town – zwischen dem Hafen und dem Kunstbetrieb hat sich eine lebendige Szene aus unabhängigen Geschäften, Vintage-Läden und kleinen Restaurants entwickelt

Und dann ist da noch Tracey Emins Neoninstallation an der Hafenmole: „I Never Stopped Loving You“ – in ihrer eigenen Handschrift, in rosa Neonlicht, direkt aufs Meer gerichtet. Klingt kitschig, ist es auch – und trotzdem wunderschön.

Anreise: Hochgeschwindigkeitszug ab London St. Pancras nach Margate, Fahrtzeit unter 90 Minuten. Alternativ langsamere (und günstigere) Züge ab Victoria, Charing Cross oder London Bridge.

Praktische Tipps für alle vier Ziele

Tickets: Advance-Tickets über National Rail oder die Trainline-App kaufen – oft deutlich günstiger als am Schalter. Wer öfter Tagesausflüge macht, für den lohnt sich eine 16–25 Railcard oder 26–30 Railcard – ein Drittel Rabatt auf fast alle Züge.

Timing: Rye und Lewes sind am Wochenende gut besucht; wer Ruhe sucht, fährt unter der Woche. Margate entwickelt sich zum Trendziel und ist im Sommer belebter. St. Albans lässt sich auch im Winter prima erkunden.

Kombinieren: Rye und Lewes liegen beide in East Sussex und lassen sich mit dem Zug verbinden – für einen ausgedehnten Tag zu zweit oder ein Wochenende. St. Albans wiederum liegt nördlich von London und ist der ideale Begleiter für einen Ausflug, der früh startet und früh endet.



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