Exmoor bei Nacht – wo England seine Sterne aufbewahrt
Es gibt einen Moment auf Exmoor, den niemand in Reiseprospekten unterbringt, weil er sich nicht fotografieren lässt – jedenfalls nicht mit dem Handy. Man steht auf einem Parkplatz an der B3223, irgendwo zwischen Simonsbath und Lynmouth, hat den Motor abgestellt, und für die ersten zehn Minuten passiert: nichts. Die Augen sehen Schwarz. Ein bisschen Heidekraut im Restlicht, den Umriss einer Steinmauer. Dann, langsam, kippt etwas. Erst kommen die hellen Sterne zurück, die man aus der Stadt kennt. Dann die zweite Schicht. Dann eine dritte, die man noch nie gesehen hat. Und irgendwann, nach einer knappen halben Stunde, liegt quer über dem Himmel ein milchiger, körniger Streifen, der nicht Wolke ist, sondern die Ebene unserer eigenen Galaxie.
Die Milchstraße mit bloßem Auge zu sehen, ist in Mitteleuropa zur Rarität geworden. Etwa ein Drittel der Menschheit lebt heute unter Himmeln, an denen sie schlicht nicht mehr sichtbar ist. Auf Exmoor ist sie an einer klaren, mondlosen Nacht selbstverständlich – bis zu 3.000 Sterne sind hier ohne jedes Gerät zu zählen, gegenüber vielleicht ein paar Dutzend über einer deutschen Großstadt.
Das ist kein Zufall, sondern Politik. 2011 wurde Exmoor als erstes Gebiet Europas überhaupt zum International Dark Sky Reserve erklärt, ausgezeichnet von der International Dark-Sky Association, heute DarkSky International. Dahinter steckt ein bürokratischer Kraftakt: Lichtmanagementpläne, umgerüstete Straßenlaternen, Gemeinden, die freiwillig auf Beleuchtung verzichten, jährliche Berichte. Exmoor hat seine Dunkelheit nicht einfach behalten. Es hat sie verteidigt.
Ein Nationalpark, der aus Abwesenheit besteht

Exmoor ist mit 693 Quadratkilometern einer der kleineren Nationalparks Englands – er liegt zur einen Hälfte in Somerset, zur anderen in North Devon, und wer ihn auf der Karte sucht, findet ihn in jenem Winkel Südwestenglands, an dem der Bristolkanal die Küste in schroffe Klippen schneidet. Genau diese Lage ist sein Kapital. Im Norden liegt Wasser, im Süden dünn besiedeltes Farmland. Es gibt keine Autobahn quer durch, keine Großstadt am Rand, und die nächsten nennenswerten Lichtglocken – Barnstaple, Minehead, Taunton – sind weit genug entfernt, um am Horizont nur ein müdes Glimmen zu erzeugen.
Der höchste Punkt, Dunkery Beacon, misst 518 Meter und ist zugleich der höchste Berg Somersets. Von dort oben sieht man an einem klaren Tag bis nach Wales; nachts sieht man in alle Richtungen erstaunlich wenig, was hier als Kompliment gemeint ist. Auf den Hochflächen dazwischen lebt die größte Rotwildpopulation Englands – geschätzt rund 3.500 Tiere, Britanniens größtes heimisches Landsäugetier. Wer im Oktober zum Sternegucken herkommt, hört mit hoher Wahrscheinlichkeit die Brunftschreie der Hirsche, während er auf die Dunkeladaption seiner Augen wartet. Es ist ein sehr eigener Soundtrack.
Der Landschaft fehlt jede liebliche Cotswolds-Gefälligkeit. Exmoor ist braun, windig, kantig und im November regelrecht unwirtlich. Genau deshalb ist es leer geblieben – und Leere ist die Grundbedingung für Dunkelheit.
Beste Reisezeit für Sterne: Oktober bis März, wenn die Nächte wirklich lang und dunkel sind. Im Juni wird es in Südwestengland nie richtig finster.
Anreise: Nächste Bahnhöfe an der Hauptstrecke sind Taunton und Tiverton Parkway (beide von London Paddington aus direkt erreichbar), im Westen Barnstaple. Ab dort ist ein Mietwagen praktisch unverzichtbar.
Tipp: Nicht auf den Gipfel starren, sondern auf die Karte der Lichtverschmutzung schauen, bevor man bucht. Wer im Norden bei Lynton übernachtet, hat die dunkelsten Hochflächen in zwanzig Fahrminuten.
Die Plätze, an denen man wirklich steht
Ein Dark-Sky-Reserve ist kein Aussichtspunkt, sondern eine Fläche. Trotzdem gibt es auf Exmoor eine Handvoll offiziell ausgewiesener Dark-Sky-Discovery-Sites – Orte, die drei Bedingungen erfüllen: kein direktes Streulicht, ein befestigter Parkplatz, und ein Horizont, der nicht von Bäumen zugestellt ist.
Der klassische Einstieg ist Brendon Two Gates an der Straße von Simonsbath nach Lynmouth: ein unscheinbarer Schotterplatz mitten auf der offenen Hochfläche, ringsum nichts als Gras und Wind. Wer es etwas dramatischer mag, fährt zum County Gate an der Grenze zwischen Somerset und Devon, hoch über dem Doone Valley, mit Blick nach Norden über den Bristolkanal. Dunkery Beacon und der benachbarte Webbers Post über dem Horner Wood bieten die weitesten Rundumsichten, sind aber im Winter auch die exponiertesten Plätze – hier bläst der Wind ungebremst. Wer Familie mit kleinen Kindern dabeihat und ein Fluchtszenario benötigt, fährt besser an den Wimbleball Lake im Südosten: geschützter, mit Infrastruktur, dafür etwas näher an der Zivilisation.
Ein Detail, das Neulinge unterschätzen: Die Fahrt zwischen diesen Punkten führt über einspurige Straßen mit Ausweichbuchten, oft ohne Mittelstreifen, nachts mit Schafen und Ponys darauf. Man plant großzügig und fährt langsam. Und man parkt konsequent auf ausgewiesenen Flächen – die Anwohner haben mit Sternguckern kein Problem, mit zugestellten Feldeinfahrten schon.
Beste Reisezeit: Neumond. Alles andere ist ein Kompromiss. Drei Tage vor bis drei Tage nach Neumond ist das Fenster, in dem die Milchstraße wirklich brilliert.
Anreise: Brendon Two Gates liegt an der B3223 zwischen Simonsbath und Hillsford Bridge; County Gate an der A39 bei Oare. Beide sind ausgeschildert, aber im Dunkeln leicht zu verpassen – Koordinaten vorher offline speichern, das Mobilfunknetz ist auf dem Moor unzuverlässig.
Tipp: Rotlicht-Stirnlampe mitbringen oder die Taschenlampe mit rotem Klebeband abkleben. Ein einziger weißer Handybildschirm zerstört die Dunkeladaption der ganzen Gruppe für zwanzig Minuten – und ja, das nimmt man einem hier übel.
Simonsbath, oder: wie man eine Wildnis erfindet
Wer glaubt, Exmoors Leere sei ein Naturzustand, unterschätzt einen Mann namens John Knight. Der Eisenhüttenbesitzer und Parlamentsabgeordnete aus den Midlands ersteigerte 1818 in einem versiegelten Bieterverfahren rund 16.000 Acre königlichen Forstlandes für 50.000 Pfund; 1820 war der Kauf perfekt. Knight hatte einen für seine Zeit typischen Plan: Er wollte das Moor urbar machen. Er zog kilometerlange Steinmauern, legte Höfe an, ließ Straßen bauen – sein Sohn, Colonel Sir Frederick Winn Knight, übernahm 1841 und brachte es auf rund 22 Meilen befestigter Zufahrtsstraßen allein rund um Simonsbath.
Wirtschaftlich war das Unternehmen bestenfalls durchwachsen. John Knight zog sich 1842 nach Rom zurück, wo er 1850 starb. Was blieb, ist die Landschaft, die wir heute für urwüchsig halten: die geraden Mauern über die Kuppen, die einsamen Farmen mit ihren Baumgürteln, die Straßen, auf denen man heute nachts zum Sternegucken fährt. Exmoor ist ein industrielles Projekt des 19. Jahrhunderts, das gescheitert und dabei schön geworden ist.
Simonsbath selbst ist bis heute kaum ein Dorf – eine Handvoll Häuser, ein Sägewerk mit Museum, Simonsbath House als Erinnerung an die Knights, und ein Pub. Es gilt als eine der am wenigsten gesuchten Adressen in einem englischen Nationalpark, was Statistiker als Randnotiz führen und Reisende als Empfehlung lesen sollten. Nirgendwo sonst wohnt man näher an der Mitte des Reservats.
Beste Reisezeit: Ganzjährig; im Hochsommer sind die wenigen Betten in Simonsbath und Exford am schnellsten weg.
Anreise: Simonsbath liegt am Kreuzungspunkt B3223/B3358 im Zentrum des Parks, rund 45 Fahrminuten von Taunton, gut 30 von Lynmouth.
Tipp: Das Exmoor Heritage Centre am Sägewerk erklärt die Knight-Geschichte deutlich anschaulicher als jede Broschüre – und liegt genau dort, wo man ohnehin tanken, essen und den Abend abwarten muss.
Ausrüstung: Was man benötigt, was man leiht, was man vergisst
Die gute Nachricht zuerst: Man benötigt kein Teleskop. Die Milchstraße, die Perseiden im August, die Andromedagalaxie als blasser Fleck, ein Meteor alle paar Minuten – das alles funktioniert mit bloßem Auge, sofern man dem Auge Zeit gibt. Zwanzig bis dreißig Minuten Dunkeladaption sind der wichtigste einzelne Faktor, wichtiger als jede Optik. Wer nach fünf Minuten enttäuscht ins Auto steigt, hat den Himmel nie gesehen.
Die zweitbeste Ausrüstung ist ein Fernglas, idealerweise 10×50, weil es lichtstark ist und man es ohne Stativ halten kann. Erst danach lohnt ein Teleskop – und genau das lässt sich hier unkompliziert mieten: Die drei Exmoor National Park Centres in Dulverton, Dunster und Lynmouth verleihen Teleskope für 25 Pfund in der ersten Nacht und 10 Pfund je weiterer Nacht, gegen 100 Pfund Kaution, die man zurückbekommt. Man holt das Gerät tagsüber ab, nimmt es mit aufs Moor und bringt es am nächsten Tag zurück. Eine kurze Einweisung gibt es dazu. Vorher anrufen und reservieren ist ratsam, besonders im Oktober.
Was fast alle vergessen: Kleidung. Auf 400 Metern Höhe, im Wind, bei zwei Stunden Stillstehen ist eine englische Oktobernacht deutlich kälter, als das Thermometer verspricht. Zwei Schichten mehr als gedacht, wasserdichte Schuhe, Mütze, Handschuhe – und eine Thermoskanne, denn der nächste geöffnete Pub ist selten in Sichtweite. Ebenfalls hilfreich: eine Sternkarten-App im Rotlichtmodus, ein Campinghocker und ein Reservekanister Geduld für die englische Bewölkung.
Beste Reisezeit: Klare Nächte folgen auf Exmoor oft dem Durchzug einer Kaltfront. Wer flexibel ist, plant zwei bis drei Nächte ein statt einer.
Anreise: Die Verleihstellen liegen in Dulverton (Südosten), Dunster (Nordosten) und Lynmouth (Nordwesten) – man wählt sinnvollerweise die, die auf dem Weg zur Unterkunft liegt.
Tipp: Übernachtungen mit dem Label „Dark Sky Friendly“ – etwa rund um Exford, Parracombe oder Brompton Regis – haben abgeschirmte Außenbeleuchtung und oft einen freien Gartenblick nach Süden. Man muss dann nachts nicht einmal fahren.
Der Oktober, in dem sich das ganze Moor verabredet

Zwischen dem 16. Oktober und dem 1. November 2026 findet das Exmoor Dark Skies Festival statt: rund 50 Veranstaltungen, verteilt über Dörfer, Naturschutzgebiete und Küstenorte im ganzen Nationalpark. Das Spektrum reicht von geführten Nachtwanderungen und mobilen Planetarien über Astrofotografie-Workshops bis zu Abenden im Observatorium des Poltimore Inn bei North Molton. Die Exford Bridge Tea Rooms fungieren als Dark-Sky-Discovery-Hub und veranstalten das Jahr über Beobachtungsabende – man muss also nicht zwingend im Festivalzeitraum kommen.
Der Reiz des Termins liegt weniger im Programm als im Timing: Mitte Oktober ist es um 19 Uhr bereits astronomisch dunkel, die Sommerbesucher sind weg, die Pubs sind aber noch geöffnet, und der Hirschbrunft-Herbst legt eine akustische Kulisse über die Nacht, die kein Festivalveranstalter buchen könnte. Wer teilnehmen will, sollte früh buchen – die geführten Formate sind klein und regelmäßig ausverkauft.
Beste Reisezeit: Festival 2026: 16. Oktober bis 1. November. Beobachtungsabende in Exford und am Poltimore Inn gibt es ganzjährig.
Anreise: Die Veranstaltungsorte verteilen sich über den ganzen Park; öffentliche Verbindungen sind abends praktisch nicht vorhanden, ein Auto ist Pflicht.
Tipp: Programm und Buchung laufen über die Seiten des Exmoor National Park; die beliebten Termine sind oft schon im September vergeben.
Was man tagsüber mit einem Nationalpark anfängt

Sternenhimmel ist ein Abendprogramm, und Exmoor beantwortet die Frage nach dem Rest des Tages besser, als seine Bescheidenheit vermuten lässt. Die Tarr Steps über dem River Barle sind die längste Clapper-Brücke Britanniens: 17 Joche, 55 Meter, mörtellos aufeinandergelegte Steinplatten, deren Alter seit Jahrzehnten umstritten ist – die Spanne der Theorien reicht von der Bronzezeit bis ins 15. Jahrhundert. Die Brücke wird bei Hochwasser regelmäßig auseinandergerissen und anschließend Stein für Stein rekonstruiert, was ihre Datierung nicht eben erleichtert und ihren Charme nicht schmälert.
An der Küste liegen die Zwillingsorte Lynton und Lynmouth, verbunden durch eine Standseilbahn von 1890, die vollständig mit Wasser betrieben wird: Der obere Wagen füllt einen Tank aus dem West Lyn River, wird schwer, sinkt und zieht den unteren nach oben. 262 Meter Trasse, gut 150 Höhenmeter, kein Gramm Strom. Sie ist bis heute die höchste und steilste rein wasserbetriebene Bahn der Welt und fährt seit über 130 Jahren nach demselben Prinzip. Gleich westlich beginnt das Valley of Rocks, ein trockenes Tal voller absurd verwitterter Felsformationen, in dem halbwilde Ziegen zwischen den Klippen stehen und die Fotografen mit einer Selbstverständlichkeit ignorieren, die man bewundern muss.
Wer den Tag richtig anlegt, kombiniert: vormittags eine Wanderung an der Küste, nachmittags Tarr Steps und ein spätes Essen im Pub, dann hinaus aufs Moor, sobald das letzte Blau aus dem Westen verschwindet. Exmoor belohnt genau diese Reihenfolge.
Beste Reisezeit: Die Standseilbahn fährt saisonal, typischerweise von Februar bis November – im Hochwinter geschlossen. Tarr Steps sind ganzjährig zugänglich, nach starkem Regen aber gelegentlich gesperrt.
Anreise: Lynmouth liegt an der A39; von Simonsbath sind es rund 30 Minuten über die B3223. Tarr Steps erreicht man über Dulverton, der Parkplatz liegt rund 800 Meter oberhalb der Brücke.
Tipp: Der Weg von Tarr Steps flussaufwärts am Barle entlang ist einer der schönsten kurzen Spaziergänge Südwestenglands – und fast immer leerer als die Brücke selbst.
Das eigentliche Argument
Exmoor verkauft sich schlecht. Es hat keine Kathedrale, keinen Strand mit Palmenversprechen, keine Instagram-Kulisse, die sich in drei Sekunden erklärt. Es hat Wind, Heide, Hirsche und eine Handvoll Steinmauern, die ein gescheiterter Industrieller hinterlassen hat.
Und es hat etwas, das in Europa fast vollständig verloren gegangen ist: einen Himmel, der noch funktioniert. Das ist keine Sehenswürdigkeit, die man abhakt, sondern eine Erfahrung, die man sich erarbeitet – mit einer halben Stunde Warten im Dunkeln, zwei Pullovern zu viel und der Bereitschaft, in einer englischen Oktobernacht auf einem Schotterparkplatz zu stehen und nach oben zu sehen.
Es lohnt sich. Vermutlich mehr als alles andere, was man in diesem Teil Englands tun kann.
Alle Angaben zu Preisen, Terminen und Öffnungszeiten Stand August 2026. Vor der Reise bitte auf den Seiten des Exmoor National Park prüfen.