Norfolks Nordküste – wo England nach Lavendel duftet und die Sonne im Meer versinkt
Es gibt einen Ort in England, an dem die Sonne über dem Meer untergeht – an der Ostküste. Das klingt nach einem Druckfehler, ist aber Geografie: Hunstanton, das kleine viktorianische Seebad im Nordwesten Norfolks, liegt an einer Küste, die sich so eigenwillig um die Bucht The Wash krümmt, dass der Ort nach Westen blickt. Wer abends auf den gestreiften Klippen steht, sieht die Sonne glutrot ins Wasser sinken, während hinter einem der Rest der englischen Ostküste längst im Schatten liegt.
Ein paar Kilometer weiter südlich passiert im Juli etwas, das man eher in der Provence vermuten würde: Bei Heacham blühen Lavendelfelder, hundert Hektar in allen Violett-Schattierungen, und der Duft hängt so schwer über der Landstraße, dass man ihn durchs offene Autofenster riecht, bevor man das erste Feld sieht. Und noch ein Stück weiter östlich, auf einer Sandzunge namens Blakeney Point, liegen Seehunde in der Sonne – eine der größten Kolonien Englands, erreichbar nur per Boot oder auf einem langen Fußmarsch durch die Dünen.
Norfolk ist für die meisten deutschen Englandreisenden ein weißer Fleck. Kein Lake District, kein Cornwall, keine Cotswolds – die Grafschaft im Osten taucht auf kaum einer Route auf. Genau das ist ihr Glück. Wer im Hochsommer an diese Küste fährt, findet kilometerlange Strände, auf denen selbst im August Platz ist, Fischerdörfer ohne Souvenirshop-Meilen und ein Licht, das schon die Maler der Norwich School im 19. Jahrhundert an diese Küste zog.
Hunstanton – gestreifte Klippen und Sonnenuntergang über dem Meer

Hunstanton ist eine Erfindung. 1846 beschloss der örtliche Landadelige Henry Styleman Le Strange, an diesem Küstenstreifen ein Seebad aus dem Nichts zu bauen – mit Eisenbahnanschluss, Hotels und der damals unschlagbaren Attraktion, dass Londoner Städter hier tatsächlich einen Sonnenuntergang über dem Meer erleben konnten. Die Eisenbahn ist längst stillgelegt, das viktorianische Flair mit grünem Dorfanger und Karrstein-Häusern ist geblieben.
Der eigentliche Star des Ortes ist aber älter, sehr viel älter: die Klippen nördlich der Promenade. Sie sind gestreift wie eine Torte – unten rostbraun, darüber ein rötliches Band, ganz oben strahlend weiß. Die Erklärung liegt 135 bis 70 Millionen Jahre zurück, als diese Küste Meeresboden war. Die braune Schicht ist Karrstein, Sandstein, den Eisenoxid – schlicht: Rost – zusammengebacken hat. Darüber liegt der seltene rote Kalkstein, die sogenannte Red Chalk, und obenauf weiße Kreide. In den Kalkschichten stecken Fossilien in verschwenderischer Menge: Ammoniten, Belemniten, Seeigel, sogar Haifischzähne werden am Strand unterhalb der Klippen regelmäßig gefunden. Bei Ebbe läuft man am Fuß der Klippen entlang, zwischen Felspools und den Trümmern herabgestürzter Kreideblöcke, und benötigt für zweihundert Meter gerne eine Stunde, weil der Boden voller Geschichte liegt.
Abends dann das Schauspiel, für das Le Strange sein Seebad einst baute: Von der Rasenkante oberhalb der Klippen sieht man die Sonne über The Wash untergehen – als einziges Seebad der englischen Ostküste.
Beste Reisezeit: Juni bis September; für Fossiliensuche die Ebbe abpassen (Gezeitenkalender online).
Anreise: Zug London King’s Cross–King’s Lynn (ca. 1:40 Std.), weiter mit dem Coastliner-Bus 36 nach Hunstanton (ca. 40 Min.).
Tipp: Nicht an der Promenade bleiben – der Klippenweg Richtung Old Hunstanton führt in zehn Minuten zu den schönsten Blicken auf die Streifen, direkt am stillgelegten Leuchtturm und der Ruine der St.-Edmund-Kapelle von 1272 vorbei.
Heacham – Lavendelblüte wie in der Provence, nur mit Meerblick

Drei Meilen südlich von Hunstanton liegt Caley Mill, eine alte Wassermühle aus Karrstein – und um sie herum das violettfarbene Herz Englands. Norfolk Lavender wurde 1932 gegründet und ist damit die älteste Lavendelfarm des Landes. Hier wächst die National Collection: über hundert Lavendelsorten, von fast weißem Flieder bis zu tiefem Purpur, dazu Felder, die sich im Juli in Streifen bis zum Horizont ziehen.
Dass Lavendel ausgerechnet hier gedeiht, ist kein Zufall. Nordwest-Norfolk ist eine der trockensten und sonnigsten Ecken Englands, die Böden sind leicht und kalkhaltig – Bedingungen, die dem mediterranen Strauch näherkommen, als man es einer englischen Küste zutrauen würde. Die Blüte beginnt Mitte Juni und erreicht um Mitte Juli ihren Höhepunkt; dann liegt der Duft schwer und honigartig über dem Gelände, und das Summen der Bienen ist lauter als der Verkehr auf der Küstenstraße.
Der Besuch des Hauptgeländes mit Kräutergarten, Wiesengärten und der Lavendelsammlung ist kostenlos. Im Sommer fährt zusätzlich ein Minibus hinaus zu den großen Feldern – unterwegs erklärt der Guide die Geschichte der Mühle, den Anbau und die hauseigene Destillerie, in der aus den Blüten noch immer Lavendelöl gewonnen wird. Wer mag, verbindet den Besuch mit einem Abstecher nach Sandringham: Das Landgut der königlichen Familie mit seinen weitläufigen Wäldern liegt nur wenige Kilometer entfernt.
Beste Reisezeit: Mitte Juni bis Mitte August; Höhepunkt der Blüte um Mitte Juli.
Anreise: Coastliner-Bus 36 zwischen King’s Lynn und Hunstanton hält direkt in Heacham.
Tipp: Früh am Morgen kommen – vormittags ist das Licht weicher, die Busgruppen fehlen noch, und der Duft ist vor der Mittagshitze am intensivsten. Im Hofladen unbedingt das Lavendel-Shortbread probieren.
Holkham und Wells-next-the-Sea – der vielleicht schönste Strand Englands

Weiter östlich wird die Küste wild. Hinter Burnham Market – einem Dorf so wohlhabend-hübsch, dass die Briten es spöttisch „Chelsea-on-Sea“ nennen – beginnt der Landbesitz von Holkham Hall, einem der großartigsten palladianischen Herrenhäuser Englands. Doch der eigentliche Schatz liegt jenseits der Pinienwälder, die das Anwesen vom Meer trennen: Holkham Beach, eine Sandfläche von solcher Weite, dass bei Ebbe der Weg vom Dünenrand bis zur Wasserlinie zum Spaziergang wird.
Es ist der Strand, über den Gwyneth Paltrow in der Schlussszene von „Shakespeare in Love“ schreitet, und er hat seinen Filmruhm nie nötig gehabt. Selbst an einem Augustwochenende verteilen sich die Besucher auf so viel Fläche, dass man nach fünf Minuten Fußmarsch allein ist – nur Sand, Himmel und das ferne Glitzern der Nordsee.
Eine knappe Stunde zu Fuß durch die Dünen, und man erreicht Wells-next-the-Sea, das schönste Hafenstädtchen dieser Küste. Der Name ist mittlerweile Ironie: Das Meer hat sich seit dem Mittelalter so weit zurückgezogen, dass zwischen Stadt und offener See eine Meile Salzwiesen liegt. Am Hafen laden Kinder Krabbenkörbe von der Kaimauer – „Crabbing“ ist hier Volkssport –, und am Strand steht die berühmteste Reihe von Badehütten Englands: bunte Holzhäuschen auf Stelzen, am Saum des Pinienwalds. Vom Hafen starten im Sommer Bootstouren durch die Salzwiesen, bei denen man mit etwas Glück schon die ersten Seehunde auf den Sandbänken liegen sieht.
Beste Reisezeit: Mai bis September; Holkham Beach bei Ebbe am eindrucksvollsten.
Anreise: Coastliner 36 bis Wells; nach Holkham Beach vom Ortszentrum ca. 3 km zu Fuß oder mit dem Coasthopper.
Tipp: In Wells das Fish and Chips bei einem der Läden an der Kaimauer holen und auf der Hafenmauer essen – aber die Möwen im Blick behalten, die hier mit chirurgischer Präzision zuschlagen.
Blakeney Point – Audienz bei Englands Seehunden

Der Höhepunkt jeder Norfolk-Reise ist ein Termin mit Tieren. Blakeney Point, eine sechs Kilometer lange Sand- und Kiesnehrung, die sich vor die Küste schiebt, beherbergt eine der größten Seehundkolonien Englands – Hunderte Tiere, die je nach Jahreszeit auf den Sandbänken am Ende der Landzunge lagern. Im Sommer bringen die Seehunde ihre Jungen zur Welt, im Winter folgen die Kegelrobben mit ihren weißen Welpen; ein Robbenschauspiel gibt es hier also praktisch immer.
Hinkommen ist Teil des Erlebnisses. Vom winzigen Hafen Morston Quay legen die Boote der örtlichen Familienbetriebe ab – flache Kähne, die sich durch die Priele der Salzwiesen schieben, vorbei an Seeschwalbenkolonien, bis die Sandbank auftaucht und mit ihr die Tiere: dösend, sich wälzend, neugierig die Köpfe aus dem Wasser reckend, oft nur wenige Meter vom Boot entfernt. Die Fahrten dauern rund eine Stunde und richten sich streng nach den Gezeiten – wer nur einen Tag Zeit hat, bucht vorab und plant den Rest des Tages um die Abfahrtszeit herum.
Das Naturschutzgebiet um Blakeney gehört dem National Trust und ist auch ohne Boot ein Ereignis: Der Norfolk Coast Path führt von Wells über Stiffkey und Morston nach Blakeney, immer am Rand der Salzwiesen entlang, die im Juli violett vom Strandflieder leuchten. Im Nachbardorf Cley next the Sea stehen die vielleicht meistfotografierte Windmühle Englands über dem Schilf – und eines der ältesten Vogelschutzgebiete des Landes, seit 1926 in Betrieb.
Beste Reisezeit: Ganzjährig Seehunde; Juni bis August für Jungtiere der Gewöhnlichen Seehunde, November bis Januar für Kegelrobben-Welpen.
Anreise: Coasthopper-Bus ab Wells bis Morston oder Blakeney; Bootstouren ab Morston Quay (vorab reservieren, gezeitenabhängig).
Tipp: Die erste Bootstour des Tages nehmen – morgens ist das Licht am besten und das Wasser meist ruhiger. Fernglas einpacken: Auf der Rückfahrt sieht man Austernfischer, Brandseeschwalben und mit Glück einen Löffler.
Praktisch: ohne Auto an der Norfolk-Küste
Die gute Nachricht für alle, die in England ungern auf der linken Seite fahren: Diese Küste funktioniert erstaunlich gut ohne Auto. Von London King’s Cross fahren Züge über Cambridge und Ely nach King’s Lynn, Fahrzeit rund eine Stunde und vierzig Minuten. Dort wartet der Coastliner 36, der über Heacham und Hunstanton nach Wells-next-the-Sea fährt; in Wells übernimmt der Coasthopper und bedient stündlich die Dörfer bis Cromer – sieben Tage die Woche, an der gesamten Küste entlang.
Die Tickets sind ein Schnäppchen nach deutschen Maßstäben: Eine Tageskarte für das gesamte Küstennetz kostet zehn Pfund, der Drei-Tages-Pass 21 Pfund, eine Woche unbegrenztes Busfahren 36 Pfund. Da die Busse weite Blicke über Salzwiesen und Meer bieten, ist die Fahrt selbst schon Sightseeing. Wer wandern will, nutzt die Busse als Rückholservice: Der Norfolk Coast Path ist hervorragend ausgeschildert, und praktisch jede Etappe endet an einer Haltestelle.
Übernachten lässt sich am charmantesten in Wells oder Blakeney – kleine Pubs mit Zimmern, dazu Bed and Breakfasts in Feuerstein-Cottages. Im Juli und August sollte man einige Wochen vorausbuchen; die Briten selbst haben diese Küste längst entdeckt, auch wenn der internationale Tourismus sie noch übersieht.
Beste Reisezeit: Für das komplette Programm – Lavendel plus Seehundjunge plus Strandwetter – ist Mitte Juli der perfekte Zeitpunkt.
Anreise: Flug nach London Stansted, Zug über Cambridge/Ely nach King’s Lynn, dann Bus – ab Flughafen gut vier Stunden bis Hunstanton.
Tipp: Den Drei-Tages-Buspass kaufen und die Küste in Etappen erlaufen: Tag eins Hunstanton und Heacham, Tag zwei Holkham und Wells, Tag drei Blakeney mit Bootstour. Mehr England pro Tag geht kaum.